gentrifikation ohohoh

04Nov07

leserin andrea hat im vorwort kommentiert und damit jetzt den artikel ausgelöst, den ich schon länger schreiben wollte, aber nie dazu gekommen bin.

ich find deine webseite wirklich nett…
einziger haken:
wieso heißt sie “kreuzkölln”? bringst du das wort neukölln nicht über die lippen?
[…]
wozu der euphemismus? schämt man sich, in neukölln zu wohnen?
ich mich jedenfalls nicht.

gute fragen. ich versuch’s mal der reihe nach. dieses blog heißt kreuzkölln, weil das für mich der name dieses kiezes war, bevor und kurz nachdem ich im märz hier hergezogen war. immobilienanzeigen im internet benutzen es als ortsbeschreibung. andere leute, denen ich damals erzählte, demnächst auf halber strecke zwischen landwehrkanal und hermannplatz zu wohnen, sagten: „ah, kreuzkölln.“ und irgendwo, in zeitungen oder im internet, hatte ich das auch schon mal gelesen.

ein paar wochen später wohne ich hier und bemerke erst einmal, dass hier im umfeld einiges im umbruch ist. meine wg-mitbewohner und ich sind ja keinem realen oder imaginären hype gefolgt, wir wollten nur etwas zentraler, schöner und verkehrsgünstiger wohnen. (nach prenzlauer berg oder friedrichshain wollten wir nicht ziehen und in kreuzberg 36 haben wir einfach keine passenden und bezahlbaren wohnungen gefunden.)

neukölln habe ich schon immer über die lippen gebracht, dort habe ich immerhin die letzten sieben jahre gewohnt, in britz. natürlich bin ich trotzdem ein zugereister, aber ich empfinde eine leichte moralische überlegenheit gegenüber dem (klischee vom) schwaben, der noch nichts gesehen hat und gleich nach prenzlauer berg zieht.

die motivation, ein kiezblog zu starten, habe ich ja im vorwort beschrieben: „im moment bauen sie in jedem ladenlokal im kiez irgendwas auf. vielleicht ein guter zeitpunkt, chronist zu spielen.“ das ding „kreuzkölln“ zu nennen, lag aufgrund meiner bisherigen begegnung mit diesem namen nahe.

die ironie an allem ist natürlich, dass ich dann irgendwann feststellte, mich mit dem begriff „kreuzkölln“ beim vokabular der zugereisten bedient zu haben. und dass die ureinwohner das gar nicht gerne sehen. das wurde mir dann auch klar. ziehen so ein paar typen in den reuterkiez, machen komische sachen und setzen erst mal gleich ihre duftmarke in form einer neuen unnötigen ortsbezeichnung.

ich bin mit meinem blog also doch kein bloßer chronist der gentrifizierung; nicht mal mehr nur teilnehmender beobachter, sondern gleich aktiver mitarbeiter. aber das ist wohl das wesen der gentrifizierung per se, die unschärferelation: nur mal gucken geht nicht. jeder ist teil des problems, wenn es denn überhaupt eins ist.

ralf schönball schreibt heute im tagesspiegel über den wandel berlins seit der wende. ein absatz gilt „nordneukölln“, wie dieser kiez im hause holtzbrinck heißt:

Nordneukölln blüht auf. Kneipen und Galerien öffnen in der Friedel- und der Braunschweiger Straße, und das „Freie Neukölln“ in der Pannierstraße wird von Mittzwanzigern überrannt. Dabei galt bisher: Wer es sich leisten kann, zieht da weg, sogar besserverdienende Migranten. Jene, die übrig blieben, prägten das Bild. Wegen der Fortzüge sanken die Mieten, und das war eine Voraussetzung für den Umschwung: „Am Anfang ziehen oft Studenten in solche Quartiere, weil sie sich teure Lagen nicht leisten können, aber nahedran sein wollen“, sagt Politikwissenschaftler Volker Eick. Nordneukölln grenzt an die beliebten Quartiere von Kreuzberg und Friedrichshain. Und Kiezmanager schaffen Freiräume: Sie überzeugen Hauseigentümer, den Zugezogenen leere Gewerbeflächen für wenig Geld zu überlassen. Diese öffnen Kneipen, Cafés, Galerien. Auf die Kneipen folgen Boutiquen, Design- und Feinkostläden. Dann steigen Preise und Umsätze, aber auch die Mieten der Läden. Bald wird es schick, im Kiez zu leben, aber nicht jeder kann es sich leisten – so wie in Prenzlauer Berg heute. In Neukölln beginnt gerade erst diese Entwicklung, die rund um die historische Stadtmitte herum wie der Zeiger auf einer Uhr verläuft: vom Norden (Prenzlauer Berg) über den Osten (Friedrichshain) nach Süden (Neukölln).

so könnte sich ein lexikonartikel über gentrifizierung lesen. (nebenbei: großartig, dass in dem artikel der stadtsoziologe andrej holm zitiert wird, der ja bekanntermaßen probleme hatte, weil das bka noch nie etwas von gentrifizierung gehört hatte und dachte, dass nur terroristen solche wörter benutzen.)

allein, was nützt es? we’re in it together. deshalb steht ganz oben im titel des blogs seit längerem „kreuzkölln alias reuterkiez“. zwei signifiants, namen, sowieso schall und rauch. natürlich zwei unterschiedliche vorstellungen davon, was die eigene umgebung sein soll. ich bin irgendwo dazwischen.

(ps: und dass jetzt leute gegenüber vom backhaus liberda eine kneipe namens kreuzkölln eröffnen, wie andrea ebenfalls schrieb, geht natürlich gar nicht. subtil ist etwas anderes. das erklärt aber auch vielleicht die tatsache, warum leute, die dieses blog besucht haben, mit dem suchbegriff „kneipe eröffnen in neukölln“ hier gelandet sind.)

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8 Responses to “gentrifikation ohohoh”

  1. 1 Ben

    google „kneipe eröffnen in neukölln“ – gerade mal ausprobiert. tatsächlich! so wirst du noch zum standortratgeber.

  2. 2 Karsten

    Eine weitere schöne Bezeichnung, die mir zu Ohren gekommen ist: „Edel-Neukölln“

    Schöne Grüße,
    Karsten (Flughafenkiez-Gentrifizierer)

  3. Danke für Deine ausführliche Erläuterung, mir geht es nämlich genauso wie Andrea: Kreuzkölln ist für mich ein Unwort, eine Kreation derer, die nicht bereit sind, die Kreuzberger Mieten zu zahlen, sich aber auch nicht trauen, zuzugeben, dass sie in Neukölln wohnen (was ja zumindest bis vor Kurzem außerhalb von Neukölln wirklich häufig zu Kopfschütteln führte). Als ich beim Besuch in der Tapas-Bar am Maybachufer gleich zweimal das Wort Kreukölln lesen musste, wäre ich fast wieder gegangen (ganz abgesehen davon, dass sie sich vernüftige Preise attestieren, aber dreieurofünfzig für einen halben liter warsteiner wollen).

    Ich freue mich, dass seit zwei drei Jahren im Neuköllner Norden was passiert, nicht mehr nur direkt am Kanal, sondern auch weiter „hinten“: Die Gelegenheiten, das Ä, der Heimathafen undundund. Aber: das hier ist nicht Kreuzberg und wer hieraus ein zweites Kreuzberg machen will, kann meinetwegen wegbleiben.

    PS: Ein Wort zu den Geographiekenntnissen des TaSpi: Neukölln grenzt meines Wissens an Kreuzberg, Treptow, Brandenburg, Tempelhof und Schöneberg. Aber an Friedrichshain? Hab ich was verpasst?

  4. mal kiekn, wer denn als nächstes dran ist: offensichtlich muss der zeiger ja noch nach westen vorrücken, wenn die DIY-heuschrecken duch xy-kölln erstmal durch sind. hat jemand lust auf ne runde wortschöpfungen?

  5. schöneberg/tempelhof = tempelberg. kann man das bringen?

  6. 6 Gert

    Kreuzkölln-Krätze? Locker bleiben, Leute!

    Also über manche Menschen muß ich mich schon wundern. Immer, wenn sich was verändert, wenn was Neues kommt (auch die „Zugezogenen“ gehören dazu) kriegen sie gleich die Panik.

    Dass sich Neukölln in der Kreuzköllner Ecke wandelt, ist doch toll. Und dass da so ein Begriff entsteht, so what. Er beschreibt halt einfach die Geographie der Ecke und ist allgemeinverständlicher (und auch präziser übrigens) als „Reuterkiez“.

    SoHo, NoHo, TriBeCa sind ja auch irgenwann mal Neologismen gewesen, heute Allgemeingut.

    Gerade Berlin ist doch ein Beispiel für Wandel, für Veränderung, deshalb sind ja auch soviele Leute hier, und gerade die Neuen und Jungen kommen oft deshalb, weil es eben noch nicht so festgefahren ist.

    Und selbst wenn sich ne Kneipe Kreuzkölln nennt, ist doch ok! Würde mich jetzt nicht davon abhalten mal zu gucken, was da so los ist.

    Eher schon schlechtes Essen, davon gibts in Neu-X-Kölln leider immer noch genug.

    Darauf warte ich immer noch, auf den ultimativen KreuzNeuKölln Foodguide…

    Gert

  7. ein paar sachen zum essen hier im kiez findet man ja auch schon, wenn man bei qype.com nachschaut – die entsprechenden seiten habe ich ja auf der rechten seite unter „kiez“ verlinkt.

    ich habe auch keine positive oder negative meinung zu veränderungen hier im kiez — meinem verständnis nach ist veränderung eines der grundgesetze des lebens, egal auf welcher ebene. allein berlin hat sich in den letzen jahrhunderten stark verändert und wir sehen das als weitgehend natürlichen prozess an. was war und was kommt passt für mich einfach nicht in die kategorien „gut“ oder „schlecht“, allein deshalb weil sich veränderung als solche nicht entlang dieser achse bewegt.


  1. 1 zweimal musik, einmal gentrifizierung « das reuterkiez-blog

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